Eisgrenzen
Eis im Wandel am Rande der Erde
Über mehrere Jahre hat die Biologin Lana Tannir immer wieder Spitzbergen bereist. Anfangs waren es die Eisbären, die sie dorthin lockten, doch längst fokussiert sich ihr Interesse auf den Wandel, der sich dort spürbar vollzieht. Der zeigt sich vor allem in den unterschiedlichen Erscheinungsformen und den Veränderungen des Eises und betrifft Menschen wie Tiere.
Die Mitternachtssonne steht über dem Horizont und taucht die Eisschollen in ein diffuses, goldenes Licht, während wir langsam durch das Packeis treiben. Unter dem Rumpf unseres Expeditionsschiffes Freya knackt und ächzt das Eis. Jede Bewegung hallt durch die Stille der Arktis. Ich stehe an Deck und lausche. Seit über acht Jahren kehre ich immer wieder nach Spitzbergen zurück, um die Landschaften, das Licht und die Tierwelt am Rande der Erde zu fotografieren. Wie bei vielen anderen Fotografen und Fotografinnen wurde meine Neugier ursprünglich durch die Eisbären geweckt. Doch was einst als Faszination für Tiere und Landschaften begann, hat sich zu einem Langzeitprojekt mit tieferer Bedeutung entwickelt – einem Projekt, bei dem es längst nicht mehr nur um die Suche nach schönen Motiven geht. Jedes Mal, wenn ich nach Spitzbergen zurückkehre, wird mir nämlich erneut bewusst, wie sehr sich die Landschaft dort verändert: Das Eis bildet sich später im Jahr, Gletscherfronten ziehen sich zurück, Tiere wandern weiter in Richtung Norden. Als Biologin und Naturfotografin nutze ich meine Bilder heute als Botschaft für den Umweltschutz – als Zeugnis einer schwindenden Natur und der Geschichten, die mit dem Eis verloren gehen.
Die Geschichte des Eises
Das Eis in Spitzbergen ist nicht nur ein Naturraum, sondern auch ein Archiv menschlicher Vergangenheit. Bereits im 16. Jahrhundert zogen Jäger und Trapper über das Packeis, um entlegene Gewässer zu erreichen und die Bestände an Walen, Robben, Polarfüchsen und Eisbären zu jagen. Später folgten Wissenschaftler, Abenteurer und Polarforscher aus Norwegen, Russland und England, die das Eis als Zugang zur Region nutzten, um sie zu kartieren, zu erforschen und Expeditionen zum Nordpol zu wagen. Ihre Logbücher beschreiben endlose Eisschollen, schwer zugängliche Fjorde und eine Landschaft, die damals ungezähmt und zeitlos wirkte.
Heute, auf meinen Reisen durch diese Region, erlebe ich eine ganz andere Realität. Die Temperaturen auf Spitzbergen steigen seit den 1970er Jahren deutlich schneller als der globale Durchschnitt. Das Meereis in der Barentssee nimmt kontinuierlich ab, Gletscher ziehen sich um mehrere Kilometer zurück, andere verschwinden gänzlich von den Karten. Diese Veränderungen betreffen nicht nur Landschaft und Tierwelt, sondern auch die Menschen, die hier leben.
Der Großteil der Bevölkerung in Spitzbergen lebt in Longyearbyen, der nördlichsten Siedlung der Welt. Gegründet Anfang des 20. Jahrhunderts als Bergbausiedlung, wurde die Stadt buchstäblich aus Kohle aufgebaut. Alte Schachtanlagen, Stollen und Holzbauten auf Pfählen erzählen von dieser Vergangenheit. Die Gegenwart sieht wiederum anders aus: Lawinenschutzwälle, verstärkte Dachkonstruktionen und aufwendige Sicherheitsmaßnahmen prägen heute das Ortsbild – sichtbare Spuren des Klimawandels, eingeschrieben in die Architektur des Alltags.
Ein Ort der Biodiversität
Auch Spitzbergens Biodiversität ist untrennbar mit dem Eis und dem Schnee verknüpft. Jede Pflanze ist Teil eines empfindlichen Netzes, das auf Licht, Temperatur und Gletscherwasser angewiesen ist. Moose, Flechten und arktische Gräser, die unter der schützenden Schneedecke überwintern, sind heute zunehmend unberechenbaren Bedingungen ausgesetzt. Mit dem immer früheren Abtauen des Eises verwandelt sich die karge Landschaft rasch in ein leuchtendes Mosaik, bedeckt von Vierkantiger Schuppenheide, Gegenblättrigem Steinbrech und arktischen Mohnarten.
Ebenso ist das Leben der Tiere ohne Eis und Schnee undenkbar. Walrosse ruhen auf treibenden Eisschollen, Eisbären jagen Robben an Atemlöchern im Eis, Rentiere scharren Nahrung unter der Schneedecke hervor, Schneehühner nutzen den Schnee als Tarnung vor Fressfeinden, und Polarfüchse bewegen sich nahezu unsichtbar durch die weiße Landschaft. Selbst die Zugvögel, die im Frühjahr nach Spitzbergen zurückkehren, sind vom Meereis abhängig, denn es bestimmt, welche Nahrung wo und wann verfügbar ist. Eis und Schnee formen das Verhalten, die Nahrungssuche und die Überlebensstrategien all dieser Arten.
Flüchtige Formen
So vielfältig die Abhängigkeiten von Flora und Fauna sind, so verschieden sind auch die Erscheinungsformen des Eises selbst. Weit draußen auf dem Meer bildet sich Packeis aus zusammengepressten Schollen, die große Flächen bedecken. Dazwischen treiben einzelne Schollen als Drifteis, bewegt von Wind und Strömung. Brucheis setzt sich aus unzähligen kleinen Stücken zusammen, Überreste zerbrechender Flächen. In den Fjorden entsteht im Winter eine geschlossene Decke aus Fjordeis, die das Meer für Monate versiegelt. An Land fließen mächtige Gletscher langsam durch Täler ins Meer, wo sie beim Kalben Eisberge freigeben, die anschließend durch die arktischen Gewässer treiben.
Jede dieser Eisformen schafft eigene Strukturen, Dynamiken und Lebensräume. Für die Fotografie bedeutet diese Vielfalt ein ständiges Wechselspiel aus Formen und Texturen: Glatte Eisflächen reflektieren das Licht wie Spiegel, zerbrochene Schollen erzeugen grafische, fast abstrakte Muster, frisch gekalbte Eisberge leuchten in kühlen Blau- und Türkistönen. Nebel, Schneefall oder die tief stehende Sonne können die Wirkung derselben Landschaft innerhalb weniger Minuten vollständig verändern.
Fotografieren in der Arktis
Die Geschichte des Eises zu erzählen, bedeutet für mich mehr als nur ästhetische Landschaftsbilder festzuhalten. Ich möchte die Eigenarten der verschiedenen Eisformen durch ihre Texturen, Brüche und Schichtungen sichtbar machen und zugleich die komplexen Zusammenhänge zeigen, in denen sie stehen. Vor allem möchte ich verdeutlichen, wie eng das Leben an dieses Eis gebunden ist: eine Eisbärin mit ihren Jungen auf schmelzendem Untergrund; Polarfüchse im Pelzwechsel; Rentiere, die unter gefrorenem Boden nach Nahrung scharren; Seevögel, deren Leben vom Meereis bestimmt wird. Diese Geschichten lassen sich nur über die Zeit erzählen. Deshalb zieht es mich immer wieder nach Spitzbergen. Mit Schlittenhunden, Schneemobilen, Zodiacs und Expeditionsschiffen bin ich dort seit Jahren unterwegs. Meine letzte Reise führte mich im Mai 2025 in Richtung Nordpol auf dem Expeditionsschiff Freya. Tag und Nacht durchquerten wir die Grönlandsee, bis wir am 81. Breitengrad den Rand des Packeises erreichten. Dort, wo Wasser und Eis aufeinandertrafen, verdichteten sich die Gegensätze: Türkise Eisberge trieben durch das dunkle Wasser, Schollen schoben sich gegeneinander, und zwischen den Fjorden lag verborgenes Eis, in dem sich das Leben sporadisch, aber umso eindringlicher zeigte.
Spitzbergen fordert einen als Fotografin heraus. Extreme Kälte, Wind, Schnee und Glätte erfordern ständige Aufmerksamkeit. Akkus verlieren innerhalb weniger Stunden an Leistung, Feuchtigkeit dringt in Gehäuse, Objektive beschlagen, feine Schneepartikel setzen sich auf dem Sensor fest. Dazu kommen strenge Schutzbestimmungen, die es einzuhalten gilt. Eisbären dürfen nicht aus weniger als 500 Metern Entfernung fotografiert werden, weshalb Aufnahmen ausschließlich mit Teleobjektiv und Telekonverter möglich sind. Landgänge in Nationalparks und Naturschutzgebieten sind nur mit zertifizierten Guides möglich, und Drohnen sind in allen Schutzgebieten verboten.
Auf meinen Reisen arbeite ich immer mit meiner Sony A7R IV und der A7R III in Kombination mit lichtstarken Zoomobjektiven. Dieses Setup erlaubt es mir, ohne Objektivwechsel flexibel auf wechselndes Licht, Wetter und Bewegung zu reagieren. Doch Technik allein reicht nicht aus. In der Arktis lernt man zu warten, sich zurückzunehmen und die Umgebung wirklich zu lesen. Und man begreift, dass gerade diese Zurückhaltung dem Bild Tiefe verleiht, weil es das Leben dort nicht isoliert zeigt, sondern als Teil eines größeren, verletzlichen Zusammenhangs.
Zeugnisse, die bleiben
Spitzbergen ist ein Land im Wandel, und gerade deshalb ist Fotografie dort heute wichtiger denn je. Die scheinbar leeren Flächen bergen Spuren und Veränderungen, die sich dem bloßen Auge oft entziehen. Die Kamera hält fest, was sonst verloren ginge, und zeigt dabei mehr als bloße Schönheit. Sie dokumentiert, wie Landschaften sich verschieben, wie Eis schwindet und Lebensräume sich verändern, und hält Momente fest, die sich nie wiederholen lassen. In einer Zeit, in der Statistiken über das Schmelzen der Arktis täglich neue Rekorde melden, erreichen solche Bilder, was Zahlen nicht können. Sie ermöglichen, die Geschichten dieser Landschaft weiterzugeben, lange nachdem sich das Eis verändert hat. So werden Fotografien nicht nur zu Zeugen des Wandels, sondern zur Brücke zwischen Hoffnung und Verantwortung.
Dieser Artikel erschien erstmals in NaturFoto 9/2026
Lana Tannir
Die Naturfotografin, Wissenschaftsjournalistin und Biologin dokumentiert als National Geographic Explorerin und Mitglied der International League of Conservation Photographers seit über einem Jahrzehnt die komplexen Beziehungen zwischen Mensch und Natur in abgelegenen arktischen Regionen und marinen Lebensräumen. Ihre Arbeiten erschienen mehrfach als Titelgeschichten in Zeitschriften. Ihre Bilder werden regelmäßig in Deutschland und Großbritannien ausgestellt, zuletzt in der Freelens Gallery 2025. | www.lana-tannir.com
