icon-shop
Shop
icon-login
Kontakt

Taï Ökotourismus

Ein Beispiel von der Elfenbeinküste

Am Anfang stand die mit viel Leidenschaft betriebene Erforschung der Schimpansen im Westafrikanischen Regenwald. Vor über 40 Jahren begannen Christophe und Hedwige Boesch mit ihren Untersuchungen im ivorischen Taї-Nationalpark. Im Lauf der Jahrzehnte entstanden – initiiert von den Boeschs – umfangreiche Forschungseinrichtungen, die nahezu alle Aspekte des Regenwald-Ökosystems umfassen. Früh schon erkannten sie auch, dass der Erhalt dieses besonderen Lebensraums ohne die Beteiligung der lokalen Bevölkerung nie gelingen kann und entwickelten gemeinsam mit der von ihnen begründeten Wild Chimpanzee Foundation ein Ökotourismus-Projekt. Hans-Peter Schaub bereist das Gebiet seit 2017 immer wieder und versucht die Arbeit vor Ort mit fotografischen Mitteln zu unterstützen.

Seit ich 2017 zum ersten Mal im Taï-Nationalpark an der Elfenbeinküste war, ließ mich dieses bemerkenswerte, weit abseits üblicher Touristenregionen liegende Gebiet nicht mehr los. Es wurde mein fotografisches Langzeitprojekt – Ende offen.

Langer Weg nach Taï

Morgens, kurz nach sechs Uhr, hat mich mein Fahrer im Hotel in Abidjan abgeholt. Eine ziemlich lange Fahrt liegt vor uns. Rund 600 Kilometer sind es bis Taï, dem kleinen Ort, der dem direkt an der Grenze zu Liberia gelegenen Taï-Nationalpark seinen Namen gab. Dem 2024 an der Elfenbeinküste ausgetragenen Afrika-Cup haben es auch weniger Fußballbegeisterte zu verdanken, dass viele Straßen im Land grundsaniert wurden. So ist es mittlerweile durchaus realistisch, die Strecke an nur einem Tag zu schaffen, obwohl zwischen den Orten Guiglo und Taï noch rund 85 Kilometer über eine vor allem nach Regenfällen schwierige Piste verlaufen. Und geregnet hatte es während der Fahrt reichlich. Als wir schließlich gegen 19 Uhr in Taï ankommen, ist es bereits dunkel. Der Fahrer bringt mich zu den Soers de Marie Consolatrice, den katholischen Schwestern, die in Taï eine Schule betreiben und dar­über hinaus auch für wenig Geld einfache Zimmer anbieten. Das ist mein »Base Camp«. Zwar halte ich mich die meiste Zeit in einem Camp im Wald auf, aber dorthin nehme ich immer nur das Nötigste mit. Alles andere bleibt sicher verwahrt in meinem Zimmer bei den Schwestern.

Rückblende

Als der junge Schweizer Biologe Christophe Boesch sich vor über 40 Jahren gemeinsam mit seiner Frau Hedwige aufmachte, um im Regenwald des Taï-Nationalparks an der Elfenbeinküste das Leben wilder Schimpansen zu erforschen, konnten die beiden kaum ahnen, was sich über die Jahrzehnte aus diesem damals sehr ambitionierten Forschungsprojekt entwickeln würde. Insgesamt rund 12 Jahre verbrachten sie überwiegend im Wald und es gelang ihnen mit schier unendlicher Geduld und der Unterstützung durch einheimische Helfer, die Schimpansen an sich zu gewöhnen. Die nur so möglichen Beobachtungen ihres Verhaltens und insbesondere auch des vielfältigen Gebrauchs von Werkzeugen, erweiterten das Verständnis unserer nächsten Verwandten beträchtlich. Über den Vergleich von Populationen in verschiedenen Regionen Afrikas wurde deutlich, dass es auch unter Schimpansen kulturelle Traditionen, beispielsweise in Form bestimmter Werkzeug-Anwendungen und sozialer Verhaltensweisen gibt.

Christophe Boesch, der völlig überraschend 2024 verstorben ist, leitete später über viele Jahre die Abteilung für Primatologie am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig. Das heute in Lyon ansässige, international hochangesehene Taï Chimpanzee Project (https:// www.taichimpproject.org) geht ebenfalls auf seine Initiative zurück.

Forschung und Naturschutz | Für den Erfolg der Forschungsarbeiten hatten sowohl der Schutz der Lebensräume der Schimpansen und damit auch des Regenwaldes insgesamt sowie der Austausch mit der heimischen Bevölkerung hohe Bedeutung. Das führte im Jahr 2000 zur Gründung der Wild Chimpanzee Foundation, die sich in der Folge zu einer in mehreren Ländern Westafrikas tätigen Schutzorganisation entwickelte und maßgeblichen Einfluss auf die Entstehung neuer Schutzgebiete unter anderem in Guinea und Liberia hatte.

Ecotourisme Taï | Im Jahr 2001 kam aus der lokalen Bevölkerung in Taï die Anregung, unter Beteiligung der Kommune ein Ökotourismus-Projekt zu entwickeln. Politische Unruhen um das Jahr 2002 verhinderten das zunächst, aber 2010 startete Ecotourisme Taï unter Führung der Wild Chimpanzee Foundation und in Kooperation mit dem Office Ivorien des Parces et Réserve (O.I.P.R.), der ivorischen Nationalpark-Behörde. Es entstand ein kleines Museum in Taï, einheimische Männer und Frauen wurden zu kompetenten Naturführern ausgebildet, in Taï sowie im rund 60 Kilometer südlich gelegenen Djouroutou wurden Waldcamps etabliert, in denen Besucher übernachten und Regenwald in allen Facetten hautnah erleben können. Nahe Djouroutou gelang es auch, eine rund 60-köpfige Schimpansen-Gruppe zu habituieren, sprich an Menschen zu gewöhnen und so für Besucher ebenso wie für Forscher zugänglich zu machen. In Taï wird zurzeit ebenfalls daran gearbeitet.

Gegenwart in Taï

Am nächsten Tag bin ich mit Diane Hechinger verabredet. Die arbeitet hier für die Wild Chimpanzee Foundation, betreut die Guides und kümmert sich auch um das Ökotourismus-Projekt. Wie in den Jahren zuvor habe ich einige Geräte wie Wildkameras, Ferngläser und diesmal auch ein Nachtsichtgerät sowie Schutzmasken mitgebracht, die ich teils aus persönlichen Spenden, teils aus eigener Tasche finanziert, in Deutschland besorgt habe. So kann ich die Arbeit der Guides und Wissenschaftler vor Ort ein wenig unterstützen. Wir besprechen die Planung für die kommenden zwei Wochen. Den größten Teil der Zeit möchte ich im Waldcamp verbringen und am Ende werde ich dann noch zwei Tage in Daobly sein, einem zur Kommune Taï gehörenden Dorf, das seit einigen Jahren mit Ecotourisme Taï kooperiert. Besucher können dort in authentischen Lehmhütten übernachten, lokale Mahlzeiten kosten und traditionelle Tanzdarbietungen erleben. Was mich im Wald erwartet, weiß ich mittlerweile zumindest ungefähr, auf meinen Aufenthalt im Dorf aber bin ich sehr gespannt.

Ab in den Wald

Kurze Zeit später bringt mich ein Landrover an den Rand des Nationalparks – zusammen mit Cyntia, der Camp-Köchin, Donald, meinem Guide für die nächsten Tage und einem französischen Gast, der zwei Nächte im Camp bleiben wird. Die Piste führt durch endlos scheinende Kautschuk-Plantagen und endet auf einer kleinen Lichtung. Von hier aus geht es zu Fuß weiter. Rund zehn Kilometer sind es bis zum Camp im Wald, die wir in rund zwei Stunden bewältigen. Das Camp besteht aus mehreren komfortablen und gut gepflegten Safari-Zelten mit jeweils zwei Betten. Solarzellen liefern mittlerweile Strom für Lampen und gegebenenfalls diverse Akkus. Für fotografierende Besucher ist es dennoch ratsam, ein bis zwei größere Powerbanks mitzubringen, um möglichst autark zu sein.

Viel zu tun für Fotografen

Im Camp werden verschiedene Aktivitäten angeboten. So gibt es geführte botanische Touren, in deren Rahmen die Guides über zahlreiche medizinisch und anderweitig nutzbare Pflanzen informieren. Die meisten Guides sprechen lediglich Französisch, es gibt aber auch welche, die Englisch beherrschen. Am besten bespricht man schon bei der Buchung, was man bevorzugt. Besonders lohnend ist zweifellos der Besuch der Rußmangaben. Eine etwa 200-köpfige Gruppe wurde hier habituiert. Abgesehen von den Schimpansen sind die Mangaben die einzigen Primaten im Taï-Wald, die nicht bevorzugt weit oben in den Baumkronen leben. So sind durchaus nahezu hautnahe und fotografisch sehr lohnende Begegnungen möglich. Während so einer Tour besteht auch immer die Chance, auf weitere der insgesamt 11 Primatenarten zu stoßen, die im Nationalpark leben, darunter Diane-Meerkatzen und Schwarzweiße Colobusaffen. Deren engere Verwandtschaft, die Roten Colobusaffen, lassen sich sehr gut im nahen Umfeld des Camps beobachten. Zwar halten sie sich leider oft sehr hoch oben im Kronendach auf, mit Brennweiten zwischen 500 und 700 mm kann man sie aber dennoch gut ins Bild setzen. Unterwegs im Wald gibt es neben den Affen viel Weiteres zu entdecken. Nicht lange suchen muss man, um die vielen eindrucksvollen Baumriesen zu sehen, aber auch kleinere Details wie die faszinierenden Bauten der unterschiedlichen Termitenarten, Geckos, Froschlurche, Schildkröten oder die eine oder andere Schlange liefern attraktive Motive.

Sehr spannend ist es auch, in Begleitung eines Guides mal nachts die Umgebung des Camps zu erkunden. Viele Insekten, die man tagsüber nicht zu Gesicht bekommt, sind dann ebenso aktiv wie zahlreiche Amphibien und Spinnen.

Ausrüstungstipps

Ich nehme auf die Touren meist eine Vollformat- und eine APS-C-Kamera, ein 100-500 mm-Telezoom, ein lichtstarkes 2/135 mm-Tele, ein 100 mm-Makroobjektiv sowie ein 14-35 mm-Weitwinkelzoom mit. Damit bin ich für nahezu alle Situationen gut gerüstet. Neben der Fotoausrüstung sollte man natürlich auch immer an reichlich Trinkwasser denken, denn der Flüssigkeitsverlust ist in der schwülen Hitze des Waldes beträchtlich.

Ortswechsel

Ein Besuch im südlich von Taï gelegenen Djouroutou, im Ecotel Touracou, ist ebenfalls grundsätzlich empfehlenswert. Vom dortigen Waldcamp aus besteht die Möglichkeit, den eindrucksvollen Inselberg Mont Nienokué zu besteigen, von dem aus man einen atemberaubenden Blick über den Regenwald hat. Außerdem kann man hier die habituierte Schimpansen-Gruppe besuchen. Aktuell allerdings wird die Konzession des Betreibers neu vergeben und zudem gab es unter den Schimpansen einen Anthrax-Ausbruch. Bevor man eine Tour dorthin plant, empfiehlt es sich daher unbedingt, Ecotourisme Taï bzw. die Wild Chimpanzee Foundation zu kontaktieren (siehe Kasten). Dort hilft man übrigens auch gern bei der Organisation der Anreise nach Taï.

Zwei Tage in Daobly

Nach rund 10 Tagen im Wald beschließe ich meine Reise mit dem Besuch in Daobly. Emma Normand, die Repräsentantin der Wild Chimpanzee Foundation in Abidjan, hatte mich gebeten, das Dorf und vor allem auch die traditionellen Tanzdarbietungen zu fotografieren. Im Dorf begrüßen mich Celestin, der die Kooperation mit Ecotourisme Taï angestoßen hat, sowie Eric. Letzterer führt mich durch die Plantagen rund um den Ort und erklärt, was hier wie angebaut wird. Am späten Nachmittag dann versammelt sich ein großer Teil der Dorfbewohner rund um den Tanzplatz und freut sich ebenso wie ich über das Spektakel, das die bunt bemalten Tänzerinnen bieten.

In einer auch ohne Klimaanlage überraschend kühlen Lehmhütte verbringe ich eine ruhige Nacht. Am nächsten Tag geht’s zurück nach Abidjan und schon auf der Fahrt fallen mir tausend Dinge ein, die ich beim nächsten Taï-Trip unbedingt angehen will.

Informationen

Zur Arbeit der Wild Chimpanzee Foundation und den Projekten im Taï-Nationalpark: www.wildchimps.org (auch deutsch)
Infos zum Ökotourismus in Taï, u. a. Auf­enthalt im Wald (Rußmangaben) und im Dorf Daobly sowie den Schimpansen im Süden des Parks, nahe Djouroutou: www.ecotourismetai.com (franz./engl.), https://www.facebook.com/ecotourismeTai, reservation@wildchimps.org (franz./engl.), Mobil/WhatsApp: +225 07 49 28 12 16
Office Ivorien des Parces et Réserves (O.I.P.R.). Informationen zum Taï-Nationalpark und anderen Schutzgebieten an der Elfenbeinküste: https://oipr-ci.org (franz.)

Dieser Artikel erschien erstmals in NaturFoto 7/2025

Hans-Peter Schaub (63)
Der im Schwarzwald geborene, promovierte Biologe ist seit 2001 Chefredakteur von NaturFoto und Autor mehrerer Bildbände sowie Fachbücher über Naturfotografie. Sein Wissen gibt er regelmäßig in Workshops weiter. Die Ergebnisse seiner Fotoprojekte präsentiert er unter anderem in Vorträgen. | www.hanspeterschaub.de